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Am Dienstagabend sprach der frühere Rektor der Kantonsschule Olten, Bruno Colpi, in der Gemeindebibliothek Dulliken zum Thema «Als die Medizin noch göttlich war – Heilmethoden und Heilstätten im Klassischen Griechenland»
Im Namen der Kulturkommission und der Gemeindebibliothek begrüsste Therese Studinger die zahlreich erschienenen Interessierten und meinte, dass es ein besonderes Vergnügen sei, Bruno Colpi als Experte in griechischer Geschichte erleben zu dürfen, denn er sei nicht nur ein glänzender Redner, sondern auch mit Griechenland tief verwurzelt. Bruno Colpi begann sein spannendes Referat mit der Feststellung, dass im frühen Griechenland Gesundheitskonzepte bestanden hätten, die aus heutiger Sicht erstaunlich modern wirkten. Drei wesentliche Bereiche führte er auf wie die Tempelmedizin des Asklepioskultes, die häufig von Aberglauben und Magie geprägte Volksmedizin sowie die wissenschaftliche Medizin des Hippokrates (460 bis 370 vor Christus) und seiner Schüler und Nachfolger. Dabei hätten sich nicht selten die Grenzen vermischt, und es sei zu erbitterten Auseinandersetzungen gekommen.
Asklepios im Zentrum
Im Zentrum der göttlichen Medizin stand die Tempelmedizin des Asklepios mit der Kultstätte Epidauros, das eine bedeutende Stadt in der geschichtsträchtigen Landschaft Argolis war mit den Zentren Argos, Tiryns und Mykene. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts hatte Epidauros als Krankenanstalt internationalen Ruf erreicht. Rund 300 Tochterhäuser wurden in der ganzen zivilisierten Welt errichtet. Epidauros blieb aber der Platz, an dem die Hilfe des Gottes am besten zu finden war.
Asklepios legte grossen Wert auf die psychosomatischen Zusammenhänge. Dieses Konzept der Psychotherapie wurde später auch von seinen Priestern übernommen. Stand am Anfang das Spirituelle im Vordergrund, wurde mit der Zeit das Technische immer wichtiger. Vor allem in der Zeit der Römer scheint die Chirurgie dominant gewesen zu sein.
Der Mythos über Asklepios erzählt, dass er als ausgesetztes Kind eines göttlichen Vaters, des Gottes Apollo, und einer weltlichen Mutter in der freien Natur im Hirtenland aufwuchs. Er hatte Anteil an der menschlichen und an der göttlichen Natur. Er ist der heilende Gott, der Retter, der Soter, wie der griechische Begriff dafür heisst, den man im Neuen Testament auf Christus bezogen als Heiland übersetzt. Die Parallele zur Christusfigur ist gegeben.
Beeindruckendes Theater
Epidauros war geprägt als ein Ort mit einem beeindruckenden Theater, das auch heute noch eine grandiose Anziehung ausstrahlt, das aber auch besetzt war mit Badehäusern und Trinkhallen. Ein buntes Leben spielte sich hier ab, die Besucher zogen durch ein Festtor in den heiligen Bezirk und gelangten der heiligen Strasse entlang zu den Altären.
Der Mensch fand einen Ort, an dem er alle irdischen Sorgen vergessen konnte, nur göttliche und schöne Gedanken sollte er in sich haben. Er sollte ein Lebensgefühl erfahren, das weder Anfang noch Ende kennt. Nur so sei der Mensch fähig, sein wahres Ich zu finden und somit seine Gesundheit und Harmonie. So erlebte man einen Kultort mit Tempel, Theater, Odeon, Stadion, Gymnasium und Bibliothek, wo sich jedermann erholen, läutern und neu beleben konnte.
Anhand von Bildern zeigte Bruno Colpi dem Publikum die heutige Ausgrabungsstätte von Epidauros in all ihrer spannenden Vielschichtigkeit auf. Mit grossem Aufwand habe man sich in den letzten Jahren daran gemacht, diese Stätte als komplexes Ganzes zu restaurieren und nach alten Überlieferungen aufleben zu lassen. Von grosser Faszination sei der heilige Ort, der kreisrunde Abaton, der unzugängliche Raum, in dem der geläuterte Mensch eine Nacht verbringen durfte, und wenn er Glück hatte, erschien ihm in der Nacht der Gott im Traum und heilte ihn.
Zeugnisse von Heilungen
Heilungsinschriften lassen sich heute noch finden. 43 Heilungen auf steinernen Stelen erzählen in allen Einzelheiten von solchen Heilungen. Es handelte sich um völlig unheilbare Leiden wie jene von Blindgeborenen, Lahmen oder Paralytikern, die augenblicklich geheilt wurden.
Wie sehr auch Asklepios ein humaner Gott war und wie sehr er auch gerade der Gott der kleinen Leute war, zeigte sich in feinen Beispielen. Doch der Mythos um ihn hatte auch ein schreckliches Ende. Seine Wundertätigkeit ging so weit, dass er Tote auferweckte und aus dem Hades zurückrief. Da kam er jedoch mit einem mächtigeren Gott, mit Pluto, ins Gehege. Pluto beschwerte sich bei Zeus gegen die Verletzung der Weltordnung, für die Asklepios verantwortlich sei. Zeus hatte für Pluto Verständnis und erschlug mit seinem Blitzstrahl den wundertätigen Asklepios. Damit wurde er zum Märtyrer.
Heutige Menschen fragen sich nun: War dies alles nur Scharlatanerie? Reine Wunderheilungen oder doch ärztliche Kunst? Die aufwändigen Bauten in Epidauros zeugen davon, dass solch wundersame Heilungen stattfanden. Die eingemeisselten Danksagungen erzählen heute noch davon. In der Tat verehrten nicht einfach nur leichtgläubige Menschen oder Naivlinge den Asklepios, auch Sophokles verehrte ihn und starb mit den Worten: «Wir schulden dem Asklepios noch einen Hahn». – Eine Antwort zu finden, fällt nicht leicht, aber vielleicht sollte man auch den Mut haben, gewisse Ereignisse in sich stehen zu lassen, und dazu gehört der wundersame Mythos